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alliance care vor dem Aus - und jetzt?

Autorenbild: Jan Honegger
Jan Honegger
6. Okt.
4 Min. Lesezeit

Nach nur gut einem Jahr steht die Frage im Raum, ob Konkurs angemeldet und der neue Dachverband der Pflege, alliance care, bereits wieder aufgelöst werden soll. Am 14. Oktober wird darüber entschieden.

Ich habe lange überlegt, wie und ob ich mich dazu äussern soll. Einerseits als Privatperson und zahlendes Mitglied des Berufsverbandes, andererseits aber auch als Co-Präsident von Swiss HCA, dem Berufsverband für Pflegende ohne Diplom, welcher für seine Mitglieder ebenfalls Leistungen von alliance care bezieht.


Im Hintergrund läuft aktuell sehr viel und vieles ist noch völlig unklar.

Bereits im Juni wurden bei alliance care 17 von insgesamt 91 Mitarbeitenden entlassen. Darunter leider auch Personen, die kurz vor ihrer Pensionierung standen. Es handelte sich um eine Massenentlassung. Grund dafür war unter anderem, dass das erwartete Mitgliederwachstum ausgeblieben ist und die vorhandenen Einnahmen nicht ausgereicht haben, um das bestehende Leistungsangebot und den Personalbestand zu finanzieren.

Diese Massnahmen haben offensichtlich nicht ausgereicht. Der Steuerungsausschuss beantragt nun die Konkursanmeldung und die Auflösung von alliance care. Darüber entscheiden der Pflegerat und die Delegiertenversammlung am 14. Oktober.


Ich persönlich gehe aktuell davon aus, dass diesem Antrag zugestimmt wird. Sollte alliance care tatsächlich aufgelöst werden, dürfte dies auch für die noch verbliebenen Mitarbeitenden deren Kündigung zur Folge haben.

Der Verband Swiss Nursing Students hat in den letzten Tagen bereits völlig berechtigt darauf hingewiesen, dass schon während des Reorganisationsprojekts Futuro vor genau diesem Problem gewarnt wurde.

SNS stellte bereits 2024 den Antrag, eine konkrete Mitgliedergewinnungsstrategie auszuarbeiten und in das Reorganisationsprojekt zu integrieren. Dieser Antrag wurde von der Delegiertenversammlung sogar einstimmig angenommen.


Heute stellen sich deshalb berechtigte Fragen: Wie sah diese Strategie konkret aus? Was wurde davon umgesetzt? Wer hat die Mitgliederprognosen erstellt und genehmigt? Wer hat die Entwicklung kontrolliert und überwacht? Und vor allem: Wer hätte reagieren müssen, als sichtbar wurde, dass die erwarteten Mitgliederzahlen nicht erreicht werden?


Den vollständigen Artikel von Swiss Nursing Students findet ihr hier:


Ich persönlich möchte hier niemanden an den Pranger stellen.

Sowohl beim SBK wie auch bei alliance care waren teilweise dieselben Personen involviert. Darunter Menschen, die ich persönlich sehr schätze und die gerade auch beim SBK in der Vergangenheit sehr viel geleistet haben. Hinter diesen Organisationen stehen viele erfahrene Menschen mit sehr viel Know-how. Es gab sehr aktive Sektionen in den einzelnen Regionen, welche intensive sozialpartnerschaftliche Gespräche mit den Arbeitgebern geführt hatten.

Trotzdem müssen wir auch kritisch hinschauen können.

Der SBK hatte bereits in den vergangenen Jahren mit sinkenden Mitgliederzahlen und strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Gleichzeitig nehme ich bei vielen Pflegenden eine zunehmend kritische Haltung gegenüber dem Berufsverband wahr. Die Arbeit des Verbandes ist für viele zu wenig sichtbar, die Mitgliederbeiträge werden teilweise als zu hoch empfunden und einige haben auch schlechte Erfahrungen im direkten Austausch gemacht.


Und genau deshalb braucht es jetzt eine ehrliche Aufarbeitung.

Gerade weil bereits vor Futuro strukturelle Probleme bestanden und nun zusätzlich viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, kann die Konsequenz aus einem möglichen Scheitern von alliance care nicht einfach sein, wieder zum vorherigen Zustand zurückzukehren. Auch weil eine externe Firma für die Reorganisation beauftragt wurde, deren massive Kosten letztlich ebenfalls von den Mitgliedern getragen wurden und offensichtlich nicht zu einer nachhaltig tragfähigen Lösung geführt haben.

Jetzt spreche ich ganz bewusst aus der Sicht eines Mitglieds, das seit Jahren Beiträge an seinen Berufsverband bezahlt:


Was sich viele Mitglieder jetzt wünschen und meiner Meinung nach auch erwarten dürfen, sind Transparenz, eine saubere Aufarbeitung und das Übernehmen von Verantwortung.

Was wurde geplant? Was wurde tatsächlich umgesetzt? Was hat funktioniert? Was ist gescheitert? Warum wurde möglicherweise zu spät reagiert? Und vor allem: Welche Konsequenzen ziehen wir daraus? In meinen Augen braucht es - so hart das klingen mag - auch personelle Konsequenzen. Für die Glaubwürdigkeit des Berufsverbandes halte ich es für notwendig, dass diejenigen Entscheidungsträger, die für die strategischen Fehlentwicklungen und das jetzige Scheitern massgeblich Verantwortung tragen, ihre Funktionen zur Verfügung stellen. Ein einfaches „Weiter wie bisher“ wäre gegenüber den Mitgliedern und den betroffenen Mitarbeitenden kaum vermittelbar.


Es kann auf jeden Fall nicht einfach so weitergehen wie bisher.

Sollte alliance care tatsächlich aufgelöst werden, braucht es meiner Meinung nach auch beim SBK eine grundlegende Auseinandersetzung mit den eigenen Strukturen, der Finanzierung, den Dienstleistungen und der Mitgliedergewinnung. Nicht, um den Verband zu schwächen, sondern genau im Gegenteil.

Denn wir brauchen dringend einen starken Berufsverband.

Die Pflege gehört zu den grössten Berufsgruppen der Schweiz. Eine starke, glaubwürdige und professionelle Berufsvertretung ist deshalb keine Nebensache, sondern notwendig. Gerade politisch, beruflich und auch für jedes einzelne Mitglied.


Mit dem Projekt Futuro und dem daraus entstandenen Dachverband hatte ich persönlich grosse Hoffnungen verbunden. Nicht zuletzt deshalb, weil daraus auch Swiss HCA entstanden ist und damit erstmals eine eigene Berufsvertretung für FaGe, FaBe, AGS, Pflegehelfende und weitere Berufsgruppen aufgebaut werden konnte.

Und hier möchte ich auch gegenüber unseren eigenen zahlenden Mitgliedern transparent sein:


Wir beschäftigen uns aktuell intensiv mit der Frage, wie die Leistungen für unsere Mitglieder künftig sichergestellt werden können, sollte alliance care tatsächlich aufgelöst werden.

Unser Ziel ist klar: Swiss HCA soll weiterhin bestehen und die Interessen unserer Berufsgruppen vertreten.

Ob dies künftig als eigenständiger Berufsverband geschieht, in einer neuen Zusammenarbeit oder möglicherweise in einer anderen Form innerhalb bestehender Strukturen, wird sich zeigen.

Dafür werden wir uns einsetzen.


Denn eines darf aus dieser Situation nicht entstehen: dass am Ende gerade diejenigen Berufsgruppen wieder ohne starke Stimme dastehen, für die wir Swiss HCA überhaupt gegründet haben.

Aus Fehlern müssen Konsequenzen entstehen. Aber gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, warum Futuro und alliance care überhaupt entstanden sind.

Die grundlegenden Probleme verschwinden mit einer Auflösung von alliance care nämlich nicht.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wer in der Vergangenheit Fehler gemacht hat.

Die viel wichtigere Frage lautet:

Was lernen wir daraus und wie schaffen wir jetzt eine Berufsvertretung, welche langfristig funktioniert?



 
 
 

1 Kommentar

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Milan Zivkovic
06. Okt.
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Danke für diesen offenen und wichtigen Beitrag.

Gerade jetzt braucht es Transparenz, eine ehrliche Aufarbeitung und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass wir als Pflege einen starken Berufsverband brauchen – vielleicht heute mehr denn je.

Was mich dabei aber grundsätzlich beschäftigt: Wie schaffen wir es endlich, als Berufsgruppe zusammenzustehen?

Wir sprechen in der Schweiz von einer Berufsgruppe mit weit über 100’000 Menschen in unterschiedlichen Pflegeberufen. Allein rund 80’000 diplomierte Pflegefachpersonen wurden bereits 2020 gezählt. Trotzdem fällt es uns immer wieder schwer, unsere enorme Grösse auch in eine gemeinsame berufspolitische Stimme zu übersetzen.

Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen ist spannend: Die FMH zählt rund 46’500 Mitglieder. Die FSP vertritt über 12’000 Psycholog:innen. Beide Berufsgruppen zeigen…

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