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[Gastartikel] Was ich wirklich sagen möchte.

  • Autorenbild: Jan Honegger
    Jan Honegger
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Eine junge, vor zwei Jahren als Quereinsteigerin in die Langzeitpflege gestartete Pflegeassistentin, hat mich kontaktiert und mir einen sehr emotionalen Text geschickt. Ich bekam die Erlaubnis diesen Text als Gastartikel anonymisiert zu veröffentlichen. Dafür habe ich ihren Namen im Text abgeändert. Vielen Dank dafür! Wir brauchen Stimmen aus der Pflege, welche an die Öffentlichkeit gehen.


Ab hier startet ihr Text:


Wissen Sie warum ich diesen Beruf so liebe? Weil der Bewohner und seine Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Weil wir in ihrem letzten Lebensabschnitt noch etwas mitgeben dürfen, sei es ein letztes Lachen von ganzem Herzen, einen letzten Spaziergang in der Altstadt, einen letzten Einkaufsbummel, einen letzten Kuchen backen, das letzte Glas Wein trinken und viele weitere kleine Dinge welche unseren Bewohnern grosse Freude bringen. An all das habe ich geglaubt, erst vor 2 Jahren. Es hat sich drastisch in eine andere Richtung gesetzt.


All diese Dinge konnte ich tun ein letztes Mal bevor sie die Brücke ins Jenseits antraten. Ich ging nach Hause und fühlte mich gut, weil ich wusste ich habe mitgewirkt, diesem Menschen einen schönen letzten Lebensabschnitt zu ermöglichen. Jetzt kommt die bittere Realität zum Vorschein.


Lisa hast du kurz Zeit zu plaudern? Sorry nein ich muss ins nächste Zimmer. Lisa könntest du mit mir wieder einmal in die Stadt ich würde dich zum Kaffee einladen? Sorry nein ich habe keine Zeit es müssen noch Materialien versorgt werden. Lisa könntest du mir meine Nägel wieder einmal schön anmalen? Nein entschuldige ich muss meine Pause einhalten. Lisa warum tanzt und singst du nicht mehr mit uns? Sorry ich habe keine Zeit der Bewohner XY klingelt schon wieder ich muss auf die Glocke. Der Bewohner und seine Bedürfnisse sollen hier im Vordergrund sein? Nein!


Wir haben die wunderbarsten Bewohner, von überall her aus allen möglichen Berufen. Aus verschiedenen Familienverhältnissen. Diese Menschen haben wahnsinnig interessante Lebensgeschichten und sie können sie nur erzählen solange sie noch genug Energie in der Stimme haben, genug Luft und der Lunge und das glänzen in ihren Augen nicht verlieren. Die meisten Geschichten bekomme ich nie zu hören. Weil, keine Zeit. Diese Menschen möchten sich mitteilen, brauchen soziale Kontakte brauchen manchmal einen Rat, einen Witz, Jemand der ihnen sagt das alles okay ist oder einfach eine Umarmung.


Als ich angefangen habe war dies möglich. Es war stressig und streng natürlich, aber es passierte mit viel Humor, viel Lachen, Herz und genügend Personal damit man auch mal Zeit hatte für die kleinen Dinge die den Bewohnern wichtig waren.

Jetzt sind wir an einem Punkt wo ich zuschauen muss, wie die Lebensfreude schwindet, ich und andere Mitarbeiter von Bewohnern nicht mehr ernst genommen werden, wenn wir sagen ich komme gleich, zu recht!


Ich muss meinen Mitarbeitern zusehen wie sie ihr Lachen, ihr Feuer und ihr Herz bei ihrem Beruf verlieren. Die Menschen die einst Vorbilder waren, eine perfekte Mischung aus Mensch und Maschine, sind nur noch zu Fliessband Arbeitern geworden. Sie müssen ihr Herz verschliessen um ihren Job so zu erfüllen wie es von ihnen erwartet wird. Nicht mehr individuell nach Person handeln, sondern nach Buch. Personen in Schubladen zu stecken und zu ordnen in unserem Fall nach RAI. Meine Aufgabe in diesem Moment, Unterstützung geben wo ich kann und wo es meine Kompetenzen als Assistentin erlauben. Ich stehe am Rand der Verzweiflung. Gerne möchte ich mehr helfen. Ich nenne hier mit Absicht konkrete Beispiele: wir sind zu wenig FAGE und Dipl.


Gerne würde ich wenigstens erlernen Insulin zu spritzen, da wir eine Ausbilderin bei uns auf der Station haben sollte dies kein Problem sein. Ich bin wissensdurstig und blühe auf, wenn man mich fördert. Dies leite ich auch so weiter. Nein Lisa danke das ist lieb aber nicht nötig. Also mit den eigentlichen Worten danke Lisa aber wir bezahlen nicht mehr. Wir haben so viele Praktikanten. Gut ich würde gerne die Verantwortung übernehmen und die nötigen Einführungen machen ich komme sehr gut klar mit jungen Menschen, ich habe nicht den Ausbildner aber war schon für Lehrlinge verantwortlich nicht im selben Beruf aber ich weiss wie damit umzugehen, warum also nicht für Praktikanten.


Nein geht nicht. Wir bezahlen dir nicht mehr. Verantwortlich ist unsere Leitung. Praktikanten sind Aufgabe der Leitung? Ich dachte ich höre nicht richtig. Als würde es nicht genüg andere Arbeit geben.


Und so fühle ich mich nach all dem. Ich fühle mich Nutzlos, unmenschlich, traurig und wütend zu gleich. Traurig weil ich nur noch müde bin, ich kann am Abend nicht zu Hause sitzen und sagen hast du toll gemacht. Nein ich hatte zu wenig Zeit für jeden einzelnen Bewohner. Ich werde wütend, wenn man mir sagt Lisa das ist nicht deine Verantwortung. Doch ist es. Ich bin eine Ansprechperson für die Bewohner genau wie meine Mitarbeiter.


Wir sind die letzten Menschen in ihrem Lebensabschnitt. Ich weine ständig ich weine vor der Arbeit nach der Arbeit und teils verstecke ich mich bei der Arbeit um zu weinen. Es macht mich traurig zu sehen wie geniale Mitarbeiter kündigen und es macht mir Angst wenn ich sehe wie meine Mitarbeiter die bleiben am Limit laufen, wie ich sehe wie sie ihren Funken genau so verlieren wie unsere Bewohner und ich…



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