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Mein Gastkommentar im "Beobachter"

  • Autorenbild: Jan Honegger
    Jan Honegger
  • 21. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit

Ich arbeite seit 2010 in der Langzeitpflege. Ich liebe diesen Beruf, weil er Sinn macht, abwechslungsreich ist und weil es um Menschen geht. Um Würde, Sicherheit, Nähe und Vertrauen. Aber genau dieses Vertrauen zerreibt sich, weil uns immer öfter die Grundlage dafür fehlt: Zeit, Personal, Erholung.


Seit Annahme der Pflegeinitiative im Jahr 2021 hat sich an der Basis kaum etwas verbessert.


Und jetzt will die Nationalratskommission deren Umsetzung aus Kostengründen weiter verwässern: 50 Stunden Höchstarbeitszeit, weiterhin 42 Stunden Normalarbeitszeit, tiefere Sonn- und Feiertagszuschläge, weniger Verbindlichkeit bei Überstunden, Bereitschafts- oder Pikettdiensten … Der Frust sitzt tief.


Wir leisten Überstunden, springen gegenseitig ein, schieben Pausen, funktionieren. Und trotzdem bleibt am Ende etwas liegen. Nicht etwa die »Extras», sondern manchmal genau das, was für Menschen den Unterschied ausmacht: rechtzeitig aufs WC, genug trinken, regelmässige Verbands- und Positionswechsel, der Beistand im Sterbeprozess, ein Gespräch, das eine Eskalation verhindert, das frühe Erkennen einer Infektion, das Nachkontrollieren eines Medikaments. Wenn Pflege zur Dauerhetze wird, steigt das Risiko: mehr Stürze, mehr Druckstellen, mehr Medikationsfehler, mehr vermeidbare Rehospitalisationen. Das kostet am Ende mehr, als gute Bedingungen je kosten würden.


Am meisten schmerzt: Wir sehen es kommen, wenn jemand abbaut oder die Angst überhandnimmt. Aber wir haben nicht immer die Zeit, so hinzuschauen, wie es nötig wäre. Am Abend geht man nach Hause – nicht mit dem Gefühl, zu wenig gearbeitet, sondern zu wenig gepflegt und betreut zu haben.


Bewohnerinnen und Bewohner zahlen in der Langzeitpflege viel und haben ein Recht darauf, nicht abgefertigt zu werden. Niemand sollte im letzten Lebensabschnitt das Gefühl haben, ein Posten auf einer To-do-Liste zu sein. Wenn der Druck steigt, werden Handgriffe schneller, Gespräche kürzer, die Geduld geringer. Nicht aus Herzlosigkeit, sondern aus Überlastung.


Viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen gehen in Pension, andere steigen aus, weil Körper und Psyche nicht mehr mitmachen. Immer mehr wechseln in Temporärstellen, weil sie dort Zeiten, Ort und Bereich selbst wählen können. Die Fluktuation und die Ausstiegsrate sind enorm.


Wir brauchen keine schönen Worte, sondern Bedingungen, in denen gute Pflege wieder möglich ist. Und gleichzeitig müssen wir Pflegenden ehrlich sein: Wir dürfen nicht in der Opferrolle stecken bleiben. Wir müssen unsere Rechte kennen, Grenzen setzen und Missstände melden. Und: Die eigene Gesundheit muss Priorität haben. Denn wenn wir kaputtgehen, helfen wir niemandem: weder den Menschen, die uns brauchen, noch dem System, das ohnehin schon auf dem Zahnfleisch läuft.


Pflege ist keine Berufung, sondern eine Profession. Und wenn wir sie nicht gut machen können, zahlt am Ende die Bevölkerung den Preis. Denn Pflege betrifft uns alle.


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