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Ausgebildet für zu wenig – verantwortlich für zu viel

  • Autorenbild: Jan Honegger
    Jan Honegger
  • 16. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Ich habe mir lange überlegt, ob und wie ich dieses Thema aufgreifen soll. Heute tue ich es bewusst. Denn neben der systematischen Ausbeutung von Pflegehelfenden SRK kritisiere ich auch deren Ausbildung. Genauer gesagt deren Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und die Rolle, die sie im System einnehmen. Aus meiner Sicht trägt genau das mit dazu bei, dass die Pflegequalität in der Schweiz zunehmend leidet. Nicht aus bösem Willen einzelner, sondern weil das System so gebaut ist.


Zuerst aber das Positive und das ist mir wichtig:

Ich arbeite seit Jahren in der Langzeitpflege eng mit sehr kompetenten, empathischen Pflegehelfenden SRK zusammen. Ohne sie wäre das System längst kollabiert. Sie sind oft diejenigen, welche Bewohner:innen und Klient:innen am besten kennen. Sie arbeiten am nächsten bei den Menschen: bei der Pflege am Bett, bei der Ausscheidung, bei der Unterstützung in der Tagesstruktur, bei der Ernährung. Zusätzlich übernehmen sie Bestellprozesse und sorgen für Ordnung und Sauberkeit auf den Abteilungen. Die Arbeitsbelastung ist dementsprechend hoch. An vielen Orten für einen Bruttolohn von knapp 4’000.- CHF bei 100 % Pensum. Wenn überhaupt.


Pflegehelfende SRK gibt es viele, sie sind kostengünstig und genau deshalb sind sie neben Lernenden und Praktikant:innen in den meisten Schichten in der Überzahl. Sie fungieren als permanenter Personalpuffer, um Fachkräftemangel zu kaschieren. Arbeit wird systematisch nach unten delegiert. Viele arbeiten hochprozentig, weil sie sonst ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Gleichzeitig überschreiten sie immer wieder ihre Kompetenzen. Nicht aus Leichtsinn, sondern weil die Situation es verlangt oder weil es stillschweigend erwartet und bewusst ausgenutzt wird.


Die Regelungen dazu sind oft schwammig und betrieblich unterschiedlich. Was erlaubt ist, hängt von der Schicht, der Personalknappheit oder der jeweiligen Führung ab. Manche erhalten für zusätzliche Tätigkeiten eine Schulung, andere lediglich eine formale Berechtigung, welche im Zweifel auch wieder entzogen wird. Finanzielle Entschädigung oder echte Wertschätzung für zusätzliche Verantwortung? In der Regel nicht vorgesehen. Und wenn etwas schiefläuft, wird die Verantwortung schnell individualisiert: „Das hätte sie nicht dürfen“, obwohl es Alltagspraxis war. Rechtlicher Schutz sieht anders aus.


Pflegehelfende SRK sehen vieles, was wir Fachpersonen Gesundheit/Betreuung EFZ und diplomierte Pflegefachpersonen HF immer seltener sehen. Nicht, weil wir es nicht wollen, sondern weil wir zunehmend mit Bürokratie, Administration, Organisation und hochkomplexen Situationen ausgelastet sind. Das bedeutet aber nicht, dass die übrigen Situationen weniger anspruchsvoll wären. Im Gegenteil: Pflegehelfende SRK tragen hier eine enorme Verantwortung. Sie müssen Veränderungen erkennen, einschätzen und weiterleiten. Fehler oder Versäumnisse haben direkte Auswirkungen auf hochvulnerable Menschen, bei gleichzeitig minimaler Absicherung für die Ausführenden.


Das Schweizerische Rote Kreuz bildet sehr viele Pflegehelfende SRK aus. Die Ausbildung ist vergleichsweise kurz, niedrigschwellig und kostengünstig. Und sie wird als Einstieg mit Zukunftsperspektive verkauft. Grundsätzlich eine gute Idee. Das Problem liegt jedoch im Niveau der Rahmenbedingungen. Die Anforderungen der Ausbildung stehen in keinem Verhältnis zur Verantwortung, die diese Menschen später im Berufsalltag übernehmen. Es geht um schwer erkrankte Menschen, um Nähe, Intimität, Pflegefehler und ethisch hochsensible Situationen.


Pflegehelfende SRK werden sehr schnell in ein kurzes Praktikum geschickt, direkt an die Basis. Dort sollen sie Theorie in der Praxis umsetzen. Begleitet, beobachtet, angeleitet. In über 15 Jahren Langzeitpflege habe ich diese engmaschige Begleitung kaum je erlebt. Es fehlt an Zeit und Personalressourcen. Für echte Anleitung müssten sie zusätzlich eingeplant werden, genau wie Lernende oder Praktikant:innen. Und genau das bleibt in den meisten Betrieben eine Illusion.


Das Resultat: Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten, Altersstufen, kulturellen Hintergründen und Erwartungen werden in eine ihnen fremde Welt geworfen. Eine Welt, in der sie schnell an ihre Grenzen kommen können. Sie werden konfrontiert mit Überforderung, Angst, Ekel und Scham. Die psychischen Langzeitfolgen werden massiv unterschätzt: frühe Erschöpfung, emotionale Abstumpfung, Schuldgefühle nach Fehlern, hohe Abbruchquoten. Viele steigen nicht aus, weil sie ungeeignet sind, sondern weil sie allein gelassen werden.


Besonders kritisch sehe ich Situationen mit Sprachbarrieren. Wenn Bewohner:innen und Klient:innen nicht verstanden werden und umgekehrt. Das betrifft zwar alle Berufsgruppen in der Pflege, jedoch ist Kommunikation eine Grundvoraussetzung in unserem Beruf. Ich habe unzählige Pflegefehler und viel Leid erlebt, weil Menschen nicht verstanden wurden oder Missverständnisse entstanden sind. Trotzdem wird dieses Risiko systematisch in Kauf genommen.


Nach dem kurzen Praktikum folgt meist eine oberflächliche und fast immer bestandene Beurteilung. Danach gelten sie als „ausgebildete“ Pflegehelfende SRK und können sich bewerben. In der Praxis werden sie dann unmittelbar als vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt. Eine echte Durchlässigkeit nach oben bleibt für viele ein leeres Versprechen. Weiterbildungen sind teuer, organisatorisch schwierig oder betrieblich nicht erwünscht. Das System profitiert davon, dass viele bleiben, wo sie sind.


Mein persönlicher Anspruch als Co-Präsident von swiss hca ist klar:

Ich will den Schutz der Pflegehelfenden SRK stärken. Sie dürfen nicht weiter als billige, austauschbare Ressource missbraucht werden. Während der Ausbildung braucht es engmaschige Begleitung, klare Kompetenzregelungen und verbindliche Verantwortungsketten. Und die Verantwortung, die sie tagtäglich tragen, muss sich in Lohn, Anerkennung und Arbeitsbedingungen widerspiegeln.


Alles andere ist Augenwischerei, auf dem Rücken der Pflegehelfenden und der Menschen, die wir eigentlich schützen sollten.


Und damit bleibt eine unbequeme Frage, die wir uns endlich stellen müssen:

Darf ein Pflegesystem, welches sich Qualität, Würde und Sicherheit auf die Fahnen schreibt, so funktionieren?


Wir schicken Menschen mit minimaler Ausbildung, unklaren Kompetenzen und fehlender Absicherung in die intimsten, verletzlichsten Lebensbereiche anderer Personen und nennen das Versorgung. Wir lassen sie Verantwortung tragen, ohne ihnen den nötigen Schutz, die Zeit oder die Anerkennung zu geben. Und wenn Fehler passieren, tun wir überrascht und suchen Schuldige auf der untersten Ebene.


Pflegehelfende SRK sind nicht das Problem, sie sind der Beweis dafür, dass das System nur noch durch Überdehnung, Schweigen und persönliche Aufopferung funktioniert. Ihre Nähe zu den Menschen wird ausgenutzt, ihre Loyalität instrumentalisiert und ihre Belastbarkeit einkalkuliert. Pflegequalität wird dabei bewusst geopfert, solange Zahlen, Budgets und Dienstpläne stimmen.


Wer das weiter ignoriert, akzeptiert billig erkaufte Pflege auf Kosten der Würde, sowohl der Bewohner:innen als auch der Pflegehelfenden selbst. Und wer wegschaut, trägt Mitverantwortung.



4 Kommentare

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Sarah
16. Dez. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Danke für diese Worte der Klarheit! Dieses Thema liegt mir schon lange am Herzen und ist für mich tagtägliche Realität. Sich für Pflegehelfende SRK einzusetzen wird als Idealismus hingestellt, ist jedoch pure Notwendigkeit. Kein Wunder verlassen viele den Beruf. Es gibt wesentlich weniger anspruchsvolle Jobs mit ähnlichem Lohn. Vorausgesetzt, man ist noch gesund und arbeitsfähig, wenn man aussteigt. Körperlich und psychisch beeinträchtigte Gesundheit, die durch die Arbeit erworben wurden, konnte ich bei fast allen Pflegehelfenden SRK beobachten, mit denen ich zusammen arbeiten durfte. Die Rahmenbedingungen sind oft nicht zumutbar. Bei Pflegehelfenden SRK ist die Angst gross, ersetzt zu werden, dazu kommt das Verantwortungsbewusstsein und die Beziehung zu den Bewohnenden. Und das wird ausgenutzt. Manchmal sicher aus eigener Unfähigkeit, es anders…

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Christian
16. Dez. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Genau auf den Punkt 👍🏼

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Gast
16. Dez. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Absolut

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Scorpione13
16. Dez. 2025

Lieber Jan, Als Besucher und unterstützer eines psychisch Kranken Menschen kann ich dir Vorbehaltlos zustimmen! Dass was du schilderst erlebe ich oft und spiegelt die Realität 1:1. Klar, Ehrlich, Sachlich und für viele unbequem. Aber schweigen bringt nichts. Danke für deinen Mut, dass Thema so transparent aufzuzeigen. Ich wünsche Dir und Allen in der Pflege viel, viel Kraft und ein wenig mehr unterstützung der Gesellschaft!

Herzliche Grüsse Graziano

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