Es kotzt mich an! – Warum ich die Pflege nicht kaputtrede, sondern retten will.
- Jan Honegger
- 28. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Ich wünschte, ich könnte zur Abwechslung mal etwas Positives über den Pflegeberuf schreiben. Wirklich. Aber wenn eine Negativschlagzeile die nächste jagt und man im Alltag jeden Tag spürt, was das bedeutet, dann kocht mein Blut.
Am Sonntag hat SRF einen Artikel veröffentlicht: „Pflegepersonal: Alarmierende Zahlen zur psychischen Gesundheit“. Darin wird eine Studie zitiert, laut der das Suizidrisiko in der Pflege viermal höher sein soll als in der übrigen Bevölkerung. Überrascht mich das? Nein. Null.
Zu wenig Personal. Zu viel Verantwortung. Zu viel Stress. Ein Beruf zwischen Leben und Tod. Und dazwischen: Tragödien, Schicksale, Abschiede, Überforderung. Gleichzeitig nehmen verbale und körperliche Gewalt, Belästigungen und Respektlosigkeit gegenüber Pflegepersonal zu. Und nach aussen? Da wird ein Hochglanz-Leitbild spazieren getragen: Sicherheit, Qualität, Fürsorge. In Wahrheit erleben wir an vielen Orten Zustände, die man niemandem zumuten dürfte.
Und wer den Mund aufmacht, soll bitte leise sein. Wer Missstände benennt, gilt schnell als „schwierig“, als „negativ“, als „unprofessionell“. Der Druck ist so gross, dass wir uns teilweise sogar untereinander das Leben schwer machen: Mobbing, falscher Stolz, Machtspielchen, Revierkämpfe. Als hätten wir nicht schon genug Probleme.
Ich wünsche niemandem, jemals in eine Situation zu kommen, in der man hilflos ist: im Alter im Heim, nach einem Unfall im Spital, während einer schweren Krankheit, in der Reha, zu Hause mit Spitex. Denn dann merkt man, was Pflegenotstand wirklich bedeutet: Man leidet. Nicht immer, aber zu oft. Vor Schmerzen. Vor Hunger oder Durst. Weil man nicht auf die Toilette kann. Weil man zu lange liegt, im eigenen Urin, in den eigenen Ausscheidungen. Weil man Druckstellen bekommt, weil niemand regelmässig umpositionieren kann. Und mit etwas „Glück“ bekommt man wenigstens die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit.
Leicht überspitzt? Vielleicht. Aber die Richtung stimmt. Und das ist das Verdammte daran: Das passiert nicht „nur ganz selten“, sondern an vielen Orten regelmässig! Mal sichtbar, mal leise, mal vertuscht, mal schön geredet. Und Pflegende, die diesen Beruf gewählt haben, weil sie helfen wollen, zerbrechen daran. Nicht weil sie zu schwach sind, sondern weil sie ständig gegen eine Wand rennen: Man kann niemals so helfen, wie man möchte und wie es Menschen bräuchten. Man muss Leid ignorieren, obwohl man es sieht. Nicht weil man kalt ist, sondern weil man keine Wahl hat. Und das macht etwas mit einem Menschen.
Ich will nicht wegschauen. Ich will das nicht akzeptieren. Und ich sage es hart, weil es hart ist: Wer Missstände ignoriert, vertuscht oder reflexartig runterspielt, macht sich mitschuldig daran, dass Bewohner:innen, Patient:innen und Klient:innen leiden. Das kann Dich treffen. Mich. Unsere Eltern. Unsere Partner:innen. Unsere Kinder. Und erst wenn es die eigenen Leute erwischt, verstehen viele plötzlich, was „Pflegenotstand“ wirklich heisst.
Was ich will, ist nicht Mitleid. Ich will Veränderung.
Und zwar echte, nicht PR.
Was es jetzt braucht (mindestens):
Verbindliche Personalschlüssel, die auch in der Realität halten - nicht nur auf dem Papier.
Schutz vor Repression, wenn Pflegende Missstände melden.
Konsequenzen für Institutionen, die systematisch unterbesetzen und trotzdem „Qualität“ behaupten.
Gewaltschutz, klare Prozesse, Null-Toleranz - nicht „das gehört halt dazu“.
Gute Führung und Teamkultur: weniger Machtspiele, mehr Rückgrat.
Und ja: Lohn und Bedingungen, die nicht krank machen.
Ich schreibe das nicht, weil ich die Pflege kaputtreden will.
Ich schreibe das, weil ich sie nicht sterben lassen will.




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