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Fachpersonen Gesundheit (FaGe) als billige Dauerlösung?

  • Autorenbild: Jan Honegger
    Jan Honegger
  • 22. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Die Tagesverantwortung in Alters- und Pflegeheimen wird seit Jahren immer stärker auf Fachpersonen Gesundheit (FaGe's) abgewälzt. Das bedeutet konkret: Man trägt die Verantwortung für den gesamten Tagesablauf, oft für 20 bis 30 Bewohner, koordiniert die Arbeit mit Lernenden, Praktikanten und Pflegeassistenten und ist die zentrale Ansprechperson auf der Wohngruppe.

Dabei übernehmen FaGe's längst nicht mehr nur die Grundpflege, sondern auch Medikamentenmanagement, Wundmanagement, die Einschätzung komplexer Bewohnersituationen, die Begleitung von Veränderungen im Gesundheitszustand sowie die Betreuung und Anleitung von Lernenden und Praktikanten. Kurz gesagt: FaGe's tragen im Alltag einen massiven Teil der fachlichen und organisatorischen Verantwortung.


Begründet wird das meist damit, dass irgendwo im Haus noch mindestens eine dipl. Pflegefachperson die Hauptverantwortung für Notfälle trägt. Auf dem Papier mag das beruhigend klingen, in der Realität sieht es aber oft anders aus. Diese dipl. Pflegefachperson ist häufig für mehrere Wohngruppen gleichzeitig zuständig und trägt zusätzlich noch die Verantwortung für ihre eigene Gruppe.

Das Problem ist: Notfälle entstehen nicht zuerst dort, wo die Hauptverantwortung offiziell liegt, sondern dort, wo jemand die Bewohner beobachtet, Veränderungen erkennt und sofort handelt. Und genau das ist in der Regel die FaGe auf der Abteilung. Sie kennt die Bewohner meist am besten, bemerkt kleine Veränderungen oft als Erste und muss die ersten Massnahmen einleiten, lange bevor überhaupt jemand aus dem Hintergrund eingreifen kann.


Die grösseren Unterschiede zwischen FaGe's und dipl. Pflegefachpersonen HF in der Langzeitpflege sind in der Praxis oft deutlich kleiner, als es offiziell dargestellt wird. Meist geht es vor allem noch um einzelne komplexe Wundversorgungen, gewisse administrative Aufgaben, Pflegeprozessverantwortung, ärztliche Rücksprachen oder um formale Zuständigkeiten bei Einschätzungen und Dokumentation.

Im Alltag erledigen FaGe's aber in vielen Häusern fast dieselben Aufgaben, tragen enorm viel Verantwortung und halten den Betrieb mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung und ihrer Präsenz überhaupt am Laufen. Genau das wird seit Jahren stillschweigend ausgenutzt: viel Verantwortung, hohe Erwartungen, aber zu wenig Anerkennung, zu wenig Kompetenzen auf dem Papier und am Ende oft auch zu wenig Lohn.


Umso fragwürdiger ist diese Entwicklung, wenn man den Vergleich zu anderen Bereichen im Gesundheitswesen macht. In der Spitex, im Spital oder auch in der Psychiatrie wird viel konsequenter darauf geachtet, dass diplomiertes Personal dort eingesetzt wird, wo komplexe Situationen, fachliche Gesamtverantwortung und klinische Einschätzungen verlangt sind. In der Langzeitpflege hingegen hat man sich viel zu lange daran gewöhnt, dass FaGe's diese Verantwortung einfach mittragen, auffangen und kompensieren.

Dabei sind die Situationen in der Langzeitpflege nicht weniger komplex als in den anderen Bereichen, sondern sehr anspruchsvoll. Dort, wo man in anderen Bereichen klar sagen würde, dass es dafür mehr dipl. Personal braucht, wird es in Alters- und Pflegeheimen als normal verkauft. Genau das ist der eigentliche Skandal: Nicht weil FaGe's es fachlich nicht können, sondern weil ihre hohe Belastung und Verantwortung seit Jahren als billige Dauerlösung missbraucht wird.


Am Ende darf man bei dieser ganzen Diskussion auch eines nicht vergessen: Arbeitgeber stehen in der Fürsorgepflicht. Und zwar nicht nur gegenüber den Bewohnern, sondern genauso gegenüber dem Personal. Es kann nicht sein, dass man einerseits immer mehr Verantwortung nach unten delegiert, gleichzeitig aber so tut, als hätte das weder fachliche noch personelle oder finanzielle Konsequenzen.

Wer FaGe's faktisch in eine Rolle drängt, in der sie täglich hochkomplexe Situationen einschätzen, priorisieren, koordinieren und mittragen müssen, trägt auch die Verantwortung dafür, dass diese Mitarbeitenden entsprechend vorbereitet, unterstützt, geschützt und entlöhnt werden. Alles andere ist nichts anderes als ein kalkuliertes Risiko auf Kosten von Bewohnern und Personal.


Gleichzeitig müssen wir FaGe's uns auch selber schützen und lernen, klarere Grenzen zu setzen. So hart es klingt: Wer in einem System arbeitet, das ständig am Limit läuft, kann nicht einfach immer alles auffangen, nur weil man pflichtbewusst ist, die Bewohner nicht im Stich lassen will und den Laden irgendwie am Laufen halten möchte. Genau das machen aber viele von uns seit Jahren.

Wir springen ein, kompensieren Personalmangel, übernehmen Aufgaben über unseren eigentlichen Rahmen hinaus und überschreiten unsere Belastungsgrenze immer wieder, bis es irgendwann als selbstverständlich gilt. Doch genau damit schützen wir weder uns selbst noch langfristig die Bewohner, sondern stabilisieren ein System, das auf Dauer so gar nicht tragbar ist.


Grenzen setzen heisst nicht, dass man unmotiviert ist oder keine Verantwortung übernehmen will. Es heisst, die Realität klar zu benennen und sich nicht für strukturelle Missstände mit dem eigenen Rücken verheizen zu lassen. Das bedeutet konkret: Überforderung offen ansprechen, Verantwortung nicht stillschweigend übernehmen, wenn die Voraussetzungen dafür fehlen, heikle Situationen sauber dokumentieren und frühzeitig Unterstützung einfordern.

Es heisst auch, Nein zu sagen, wenn Aufgaben übertragen werden, für die weder genügend Zeit, noch genügend Personal, noch ausreichende Kompetenzen vorhanden sind. Wer ständig alles schluckt, macht sich am Ende selbst kaputt. Sich abzugrenzen ist deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität, Selbstschutz und Verantwortung.




2 Kommentare

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❣️
29. Apr.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Sehr gut geschrieben 😀

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germaniamaren
22. Apr.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Genau auf den Punkt gebracht - ich arbeite schon lange als ÜK Instruktor in der FaGe Ausbildung und kann diese Beobachtungen sehr gut bestätigen.

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