Gewalt in der Pflege
- Jan Honegger
- vor 4 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Gewalt in der Pflege ist kein Einzelfall. Sie ist Alltag. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir uns viel zu sehr daran gewöhnt. Denn Konsequenzen für Täter bleiben in der Praxis oft aus.
Laut Farah Rumy gehört das Gesundheitspersonal statistisch zu den Berufsgruppen, welche am häufigsten mit Gewalt konfrontiert sind, direkt nach dem Sicherheitspersonal. Und wir reden hier von einem Beruf, der zu rund 75 % von Frauen ausgeübt wird.
Das sollte eigentlich einen Aufschrei auslösen. Tut es aber nicht.
Warum?
Weil Gewalt in der Pflege still akzeptiert wird. Nicht offiziell, aber im Alltag: „Das gehört halt dazu.“ oder "Augen auf bei der Berufswahl."
Diese Sätze hat wahrscheinlich jede Person in der Pflege schon gehört. Dabei haben wir uns diesen Beruf ausgesucht, weil wir Menschen helfen wollen. Und nicht geschlagen, gebissen, angespuckt, belästigt und beleidigt zu werden.
Und genau da beginnt das Problem. Wenn man genauer hinschaut, passiert Gewalt nicht einfach zufällig. Sie entsteht in einem System, welches seit Jahren am Limit läuft. Zu wenig Personal, zu wenig Zeit, zu viele Menschen in Ausnahmesituationen. Angst, Schmerzen, Überforderung. Das entlädt sich dann oft genau bei denen, die eigentlich helfen wollen.
Und ja, natürlich gibt es Situationen, gerade in der Psychiatrie oder bei Demenz, wo Aggression Teil des Krankheitsbildes ist. Aber seien wir ehrlich: Ein grosser Teil der Eskalationen hat auch damit zu tun, wie wir arbeiten müssen. Unter Druck. Unterbesetzt. Am Anschlag.
Die unbequeme Frage ist also:
Wie viel dieser Gewalt ist wirklich „unvermeidbar“ und wie viel ist das Resultat eines kaputten Systems?
Solange Pflegende unterbesetzt in ihre Schichten eingeplant werden, solange sie keine Zeit für echte Deeskalation haben, solange Institutionen Gewalt relativieren oder kleinreden, wird sich nichts ändern. Dann bleibt es einfach Teil des Jobs. Und genau das ist das Problem.
Was es bräuchte, ist eigentlich simpel, aber offensichtlich nicht genug gewollt: mehr Personal, echte Schulungen in Deeskalation, klare Grenzen gegenüber Gewalt und vor allem eine Haltung, die sagt: Das hier ist nicht normal.
Denn nein: Gewalt gehört nicht zur Pflege!
Wir haben nur irgendwann aufgehört, sie ernst genug zu nehmen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir anfangen sollten.




Lieber Jan ,danke für die ehrlichen Zeilen.Leider habe ich dies auch erlebt als Pflegefachfrau auf der Nachtwache,mit beissen und schlagen,sowie spucken. Wichtig ,gut dokumentieren und ansprechen im Team ect.danke für dein Engagement.
Bravo! Es ist nicht normal geschlagen und gebissen und getreten und angespuckt zu werden.
Du hast diesen Missstand benannt und verständlich erklärt. Danke dir